Nichts ist so spannend wie das Leben

Gastbeitrag von www.sos-kinderdorf.de

Immer mehr Jugendliche haben Probleme im Umgang mit Medien. Wie können Eltern damit umgehen?

Immer mehr Jugendliche haben Probleme im Umgang mit Internet, PC oder Handy. Das Bundesministerium für Gesundheit geht davon aus, dass drei Prozent der Internetnutzer abhängig sind. Tendenz steigend. Was ist das Faszinierende an den neuen Medien? Warum ist es so schwer, den Aus-Knopf zu drücken? Und vor allem: Was können Eltern tun? Reiner Würdemann, Leiter des SOS-Hilfeverbundes Wilhelmshaven, stellt sich diesen Fragen im Interview.

Was genau ist Mediensucht?
Reiner Würdemann: Eine genaue Definition gibt es nicht. Allein der Begriff „Mediensucht“ ist sehr weit gefasst. Bei Mediensucht denken die meisten vor allem an noch recht junge Medien wie Internet, Handy, Spielekonsole oder Fernsehen. Dabei sind auch Zeitungen, Magazine, Bücher und Schallplatten „Medien“.

Aber in der Regel ist jemand mediensüchtig, der Medien – egal welcher Art – exzessiv nutzt, oder?
R. W.: Nein, dann wäre jeder mediensüchtig, der mit dem Computer oder dem Internet arbeitet. Das sind immerhin mindestens acht Stunden am Tag. Aber man kann anfangen, zu klassifizieren, indem man sagt: Es gibt eine gesellschaftlich gewünschte Nutzung von Medien – und eine gesellschaftlich unerwünschte.

Können Sie ein Beispiel nennen?
R. W.: Gesellschaftlich erwünscht ist das Arbeiten am Computer, die Recherche im Internet, die Kommunikation, vierzig bis fünfzig E-Mails bekommen und sofort beantworten aber auch Unterhaltungsangebote. Gesellschaftlich unerwünscht ist hingegen jede Form, die einen Menschen aus der realen Gesellschaft herauszieht. Wenn ein Jugendlicher die ganze Nacht auf Erwachsenenseiten surft oder Gewaltspiele spielt zum Beispiel. Oder wenn jemand nur noch per SMS kommunizieren kann. Dann wird es problematisch. Daher spreche ich auch lieber von einem Problem im Umgang mit Medien als von einer Sucht.

Und Probleme wird derjenige bekommen, der die ganze Nacht wach bleibt, um ein Gewaltspiel zu spielen?
R. W.: Ein Junge, der die ganze Nacht im Internet surft oder Computer spielt, hat damit selbst kein Problem. Auch nicht damit, am nächsten Tag vor lauter Müdigkeit im Unterricht einzuschlafen. Aber die Menschen um ihn herum haben ein Problem damit. Eltern, Freunde und Lehrer sehen, dass sich das Kind oder der Jugendliche aus der Gesellschaft heraus zieht.

Warum lassen sich immer mehr Jugendliche und auch Kinder von dieser Welt in den Bann ziehen?
R. W.: Ich kenne bereits Acht- und Zehnjährige, die die Nächte durchspielen. Das geht ganz schnell: Denken Sie doch nur einmal daran, wie schwer es Ihnen fällt, nach der Tagesschau den Aus-Knopf zu drücken. Denn was danach kommt, ist auch ganz spannend. Und wenn nicht auf diesem Programm, dann gibt es was Tolles auf dem anderen. Im Internet ist diese Informationsflutnicht einmal mehr an Sendezeiten gebunden.

Und aus lauter Angst, etwas Spannendes zu verpassen, bleibt man 24 Stunden online…
R. W.: Genau. Hinzu kommt, dass sich jeder im Internet eine andere Identität zulegen kann. Ich kann mich dort als athletischer 22-Jähriger ausgeben, und der 13-Jährige wird schnell 18. Doch mit jedem Mal, mit dem ich dieser virtuellen Person mehr Attribute zuspreche und mich selbst verleugne, mache ich mich selbst kleiner und alles, was mich ausmacht, nichtiger.

Also ist das Gefährliche am exzessiven Surfen oder Spielen das Negieren der eigenen Persönlichkeit?
R. W.: Ja. Reden bringt da nicht viel und man kann sich auch nicht eine halbe Stunde mit einem Jugendlichen hinsetzen, auf ihn einreden und dann erwarten, dass sich was ändert.

Wie gehen Sie mit den Jugendlichen um? Wie finden Sie Zugang zu ihnen?
R. W.: Wir arbeiten praktisch. Hier im Hilfeverbund Wilhelmshaven zum Beispiel in unserer Fahrradwerkstatt. Das ist Teil unseres Schulverweigerer-Projekts. Am Computer können die Jugendlichen alles, da kennen sie sich aus. Aber in der Werkstatt sehen sie, dass die Welt außerhalb ihres Computers groß ist und dass es eine Menge gibt, was sie noch lernen können. Die reale Welt ist durch nichts zu ersetzen. Nichts ist so spannend wie das wahre Leben. Und Jugendliche wollen etwas erfahren. Sie wollen andere Jugendliche kennen lernen: Mädchen, Jungs. Je nachdem.

Was raten Sie Eltern?
R. W.: Zunächst einmal mache ich ihnen bewusst, dass sie ein Vorbild für ihre Kinder sind, dass sie bei sich selbst anfangen müssen und ihren eigenen Medienkonsum beobachten sollten. Viele sind ganz erschrocken, wenn sie bemerken, wie viel Zeit sie vor dem PC oder mit dem Handy verbringen.
Das zweite ist, dass ganz klare Regeln gelten müssen, die selbstverständlich sind. So wie es selbstverständlich ist, dass das Kind nicht alleine nachts auf der Straße herum läuft, surft das Kind nicht alleine auf unbekannten Seiten und spielt später nicht die Nächte durch.
Punkt Nummer drei lautet: Geben Sie Ihren Kindern die Chance, Kind zu sein. Das heißt: Toben, Spielen, Reden und Lachen. Überlegen Sie nur, wie viel Zeit beim Fernsehen, Computerspielen oder Surfen verloren geht.

Sind Sie selbst Vater?
R. W.: Ja, und immer, wenn ich nach Hause kam und mein Kind saß vor dem Fernseher habe ich gesagt: „So, du bleibst jetzt hier sitzen und gehst nicht nach draußen!“ Das hat gewirkt. Sie war ganz schnell vor der Tür.

www.sos-kinderdorf.de

Reiner Würdemann

Leiter des SOS-Hilfeverbund Wilhelmshaven

{ 1 Kommentar… lies ihn unten oder füge einen hinzu }

Lioba Februar 8, 2011 um 20:16

Gefaellt mir sehr die Seite. Schone Themenwahl.

Hinterlasse einen Kommentar

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: