Die Computerspielsucht

Gastbeitrag von Dr. Barbara Singer  13.01.11

Die Computerspielsucht gehört ebenso wie die Spielsucht oder die Internetsucht auch Onlinesucht genannt zu den stoffungebundenen Süchten. Ob eine Sucht vorliegt kann man einerseits am Stundenausmaß aber noch mehr an der Rangreihe der Aktivitäten erkennen. Steht das Computerspielen auf Platz 1, vor sämtlichen anderen Tätigkeiten, wie Kontakt zu Freunden, Familie, oder gar auch beruflichen und privaten Anforderungen, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Sucht vor. Treten regelrechte Entzugserscheinungen wie Unruhe, Reizbarkeit etc. auf, wenn aus irgendeinen Grund das Computerspielen für einen kurzen Zeitraum nicht möglich ist, kann man von einer Sucht sprechen. Längere Phasen ohne Computerspielen sind für die Betroffenen während der Computerspielsucht undenkbar. Das Leben wird an die Computerspielsucht angepasst. Das Computerspielen stellt in diesem Fall während der Computerspielsucht dann nicht mehr eine Ergänzung im Freizeitbereich dar, sondern dominiert. In besonders ausgeprägten Fällen wird bei der Computerspielsucht sogar auf regelmäßige Mahlzeiten verzichtet, es wird nur schnell etwas zwischendurch konsumiert, sodass das Spielen nicht zu lange unterbrochen werden muss. Auch die Schlafdauer wird während der Computerspielsucht künstlich z.B. durch Kaffee verringert um noch länger spielen zu können.

Doch was ist die Ursache dafür, dass Menschen der Computerspielsucht verfallen?

Die meisten Spiele sind natürlich so konzipiert, dass sie auch leicht süchtig machen. Das funktioniert auf die Weise, dass sie an unseren psychischen Bedürfnissen ansetzen. Vergleich mit anderen, konkurrieren, Belohnung für Leistung. Im Vergleich zum realen Leben können wir selbst bestimmen wie lange wir das fortsetzen, wir sind nicht darauf angewiesen, dass uns jemand eine Chance geben müsste, wir können einfach eine Taste drücken und schon geht es von vorne los. Im Spiel bekommt man die Belohnungen, die einem im Leben oft verwehrt werden. Deshalb verfallen viele der Computerspielsucht.

Unsere Gesellschaft ist geprägt vom Leistungs- und Konkurrenzdenken. Ständig meinen wir uns mit anderen vergleichen zu müssen. Dass dabei nicht immer alle gut abschneiden können liegt auf der Hand.

Viele Menschen leiden unter einem mangelnden Selbstwert, auch jene denen man es oft nicht anmerkt. Sich in einer Gesellschaft nicht akzeptiert, irgendwie ausgestoßen zu fühlen, oder einfach nicht integriert wirkt generell für ein Suchtverhalten begünstigend. Die Familiensituation und die Entwicklungsphasen in der Kindheit spielen dabei eine große Rolle. Eine Sucht entsteht durch den Versuch etwas zu kompensieren, also auszugleichen oder zu überdecken. Probleme die man sich nicht eingestehen und die man am liebsten nicht spüren will werden überdeckt. Eine Sucht ist also immer eine Flucht vor etwas und gleichzeitig eine Suche nach etwas. Dadurch, dass man glaubt etwas gefunden zu haben, das sich dieses Mechanismus bedient, entsteht der Teufelskreis. Denn in Wahrheit kann es auf diese Weise nicht funktionieren.

Das größte Problem beim Suchtverhalten, so auch bei der Computerspielsucht ist das Verleugnen. Viele denken über dieses Verhalten noch die Kontrolle zu haben und jederzeit aufhören zu können, wenn sie das wollten. Typische Aussagen dabei sind: „Ich habe es absolut unter Kontrolle, ich kann aufhören wann immer ich es möchte, aber ich will es einfach nicht. Es macht Spaß und darum spiele ich!“

Angehörige erkennen den Kontrollverlust viel früher und schneller als die Betroffenen, stehen dem Verhalten aber oft hilflos gegenüber. Hinter dieser Sucht stehen auch oft jahrelang gewohnheitsmäßig nicht ausgesprochene Probleme. Mangelndes Vertrauen und fehlende Geborgenheit führen dazu, dass die Betroffenen gelernt haben sich immer mehr zu verschließen und in eine künstliche Wirklichkeit zu flüchten, in die Computerspielsucht. Diese Defizite können nicht von heute auf morgen beiseite gefegt werden, darum können sich die Computerspielsüchtigen auch nicht öffnen, wenn sie von Angehörigen auf mögliche Problem angesprochen werden. In vielen Fällen versuchen z.B. die Eltern gar nicht auf ihre Kinder einzugehen um das Problem hinter dem Verhalten zu ergründen, sondern setzen Sanktionen und Strafmaßnahmen. Sie üben noch mehr Druck aus, der seinerseits die Realitätsflucht wiederum begünstigt.

Die Eltern oder andere Angehörige fühlen sich dabei meist hilf- und machtlos und verstärken unbewusst die Problematik sowie den Widerstand der Betroffenen. Die Computerspielsucht kann dann noch schlimmer werden.

Zu einer Therapie oder Behandlung kann man die Spielsüchtigen anfangs oft kaum oder gar nicht bewegen. Viel Geduld und regelmäßige Versuche Gespräche ohne Vorwurfshaltung in Gang zu bringen, können das Verhältnis auflockern und allmählich mehr Offenheit erzeugen um in weiterer Folge eine Behandlung zu erreichen. Diese Vorgehensweise ist keineswegs einfach und darum sollten sich die Angehörigen auch Rat bei Experten holen bei der Computerspielsucht.

Autorin:

Dr. Barbara Singer

Klinische und Gesundheitspsychologin
Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologin
Sportpsychologin
Gesundheitscoach

Webseite: http://members.chello.at/psychologische.beratung/


{ 4 Kommentare… lies sie unten oder füge einen hinzu }

Monex Februar 1, 2011 um 05:06

………Wer die Beerdigung der eigenen Schwester verschlaft weil er vorher 72 Stunden durchgezockt hat kann einfach nicht vollig gesund sein. In dem in der ARD gezeigten Beitrag wurden extra Wissenschaftler befragt um zu erklaren wie die Suchtwirkung dieses Spiels funktioniert aber ich denke man muss nicht studiert haben um das zu verstehen..In WoW wird jede noch so kleine Aktion des Spielers umgehend belohnt jeder Quest gibt Erfahrungspunkte Gold und Ausrustungsgegenstande jeder Kampf gegen andere Spieler gibt Ehren- oder Arenapunkte sogar das toten eines beliebigen Mobs bringt Rufpunkte und meist auch verwertbare Rohstoffe.

Theo Februar 16, 2011 um 14:51

Ein sehr interessanter Artikel. Ich sammle alle Infos dazu, weil wir leider einen schweren Fall in der Familie haben – auch dieser Ratgeber http://stores.lulu.com/computerspielsucht hat bisher nur leichte Besserung gebracht. Vielleicht fahren wir zur Frau Dr. Singer mal nach Wien rein …

Theo

Dennis Februar 21, 2012 um 23:45

„Ich habe es absolut unter Kontrolle, ich kann aufhören wann immer ich es möchte, aber ich will es einfach nicht. Es macht Spaß und darum spiele ich!“

Ich bin seit 3 Jahren computersüchtig. Aber so richtig bewusste geworden ist es mir erst jetzt.
Obwohl ich viel darauf angesprochen wurde. (Vater/Freunde/Verwandte)
Ja dieser Artikel passt ganz genau und es stimmt jedes Wort.
Mitlerweile ist es mir klar geworden und aus dem Satz oben wurde dieser:

„Ich habe es nicht mehr unter Kontrolle, ich kann nicht mehr einfach damit aufhören, ich weiß das ich ein Problem habe, aber ich will einfach nicht damit aufhören. Es macht Spaß und darum spiele ich.“

Leider gibt es zu viele Dinge die in der Vergangenheit liegen, über die ich zwar hin und wieder spreche, ich aber nie das Gefühl habe, dass es mir hilft. Außerdem ist mir das ganze Peinlich. Ich traue mich nicht zu einem Psychologen zu gehen, ich will nicht bekloppt sein….
Es gibt so viele Dinge, dass ich locker eine Woche lang ohne Pause darüber reden könnte aber es mir in keinster Weise helfen würde, da es nur das Problem beschreibt aber keine Antwort bietet.

Selbstmord Gedanken habe ich keine. Aber meine Psyche ruiniere ich geradezu und das ganze kompensiere ich mit noch mehr Computerspielen. Ich werde morgen mit meinem Hausarzt sprechen, das problem wird aber sein das ich mich nicht trauen werde darüber zu sprechen. Denn um aus der Sucht zu kommen müsste ich mich Motiviert fühlen, aus dem Kreis auszusteigen. Tu ich aber nicht, da es mir Spaß macht. Es macht förmlich nichts mehr Spaß, außer Computerspielen. Und solange ich nichts gefunden habe das mir mehr Spaß macht, halte ich es für unmöglich mich davon abzubringen…. bis ich alles verloren habe was mir wichtig ist, einschließlich meiner selbst.

Und was viel schlimmer daran ist, wenn mich jemand fragt: „Und wie geht es dir?“
Dann sag ich nicht: „Mir gehts scheiße, ich weiß nicht mehr weiter, ich bin süchtig und ich denke nur noch nach, ohne eine Antwort zu finden!“
Sonder ich sage: „Ja ganz ok, und selbst?“

Dabei müsste ich mit fast 21 doch in der Lage sein mal den Mund auf zu machen. Und wo schaffe ich es? Nur im Internet.
Weil man sich hier hinter einer Maske, einem Nickname, verbergen kann. Und vielleicht jemand zuhört? Oder hoffe ich nur, das jemand zuhört, obwohl ich weiß, dass es vermutlich niemand tut …..?

Ich hab mir diesen Artikel zuvor durchgelesen und werde versuchen einiges daraus so umzusetzen.
http://www.danielplaikner.com/depression/wege-aus-der-depression.html

Es ist schon wieder mitten in der Nacht und ich sitze immer noch vor dem PC…..

Karolina Dirmeier Januar 25, 2013 um 07:43

Hallo Dennis,
mein Sohn ist 23 Jahre alt. Er WAR ein wirklich nettes Kind. Noch heute gelten Sätze aus seiner Kindheit in unserer Familie als stehende Redewendungen.
Ich selbst bin eher naturverbunden, genauso wie der ältere Bruder meines David. Streng überwachte ich den Fernsehkonsum meiner Söhne. Wann bei David aus den Computerspielen eine Sucht wurde, kann ich gar nicht mehr genau sagen, doch diese Hilflosigkeit, die man als Elternteil empfindet, ist unbeschreiblich grausam. Meine Worte kommen nicht mehr bei ihm an. Wenn er mit mir reden will, dann nur um mich wieder einmal über den Tisch zu ziehen. Er macht mir einen Vorschlag, den ich als sehr vernünftig erachte, ich gehe darauf ein und im Nachhinein stelle ich fest, dass der einzige, der einen Vorteil von diesem Deal hatte, er war. Seine Freundin hat ihn nun zum dritten mal verlassen. Und ich ertrage diese Ohnmacht nicht mehr. Haben deine Eltern verdient, was sie gerade durchmachen????
Wann hast du das letzte Mal einen Spaziergang durch den Wald gemacht? frühmorgens, wenn die Hasen und Rehlein auf der Wiese frühstücken? Warst du schon mal Pilze-finden im Wald und hast dir eine leckere Mahlzeit bereitet? Kannst du dir vorstellen, wie stolz du wärest, wenn du ein Vogelhäuschen bauen würdest um im Winter die Vögel zu füttern, damit sie nicht verhungern.
Ich wünsche dir ein schönres Leben, als das ,welches du jetzt hast.
Ka.

Hinterlasse einen Kommentar

{ 1 trackback }

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: