Geburt neuer Menschentypen durch Veränderung der menschlichen Gehirne

Durch das Digitalzeitalter befinden wir uns mitten in der Geburt eines neuen Menschentypen

Konzentrationsstörungen, Erinnerungsprobleme, ständig das Gefühl irgendeine wichtige Information zu übersehen, vergesslich und sehr leicht ablenkbar…   Wer erkennt sich hier wieder oder kennt solche Menschentypen?

Unsere Gehirne werden heutzutage geradezu bombardiert und es wird versucht uns einzubläuen wir seien Maschinen… Der Kampf Mensch gegen Maschine sowie die Geburt eines neuen Menschentypen hat längst begonnen.

Die Frage ist überlassen wir den Maschinen unsere Welt oder nutzen wir unser Wissen welches sich in der Menschheitsgeschichte angehäuft hat? Und hören wir auf die Warnungen unserer Vorfahren?

Martin Ulrich (transtextmedia.ch) beschreibt in folgender Stellungnahme sehr anschaulich und weitsichtig die Geburt eines neuen Menschentypen

Gastbeitrag von Martin Ulrich (transtextmedia.ch)

Die Soziologie hat entdeckt, dass unser Digitalzeitalter einen neuen Menschentypen hervorbringt: Die proteische Persönlichkeit. Was hat das im Klartext zu bedeuten? Ein polemischer Erfahrungsbericht.

Diesen technikfeindlichen Menschentypen gehöre ich gewiss nicht an. Ein gutes Computer- oder Videospiel ist für mich das Grösste, und ich weiss auch die süssen Früchte des Internets zu geniessen: Informationen, Texte, Bilder, Filme jedwelcher Art zu jeder Tages und Nachtzeit – kostenlos und kinderleicht erhältlich. Bücher und DVDs bequem bestellen, jede Folge der Lieblingssendung herunterladen, deutsch oder OT, Filmmaterial betrachten, das man entlang der ganzen Langstrasse nirgends zu kaufen fände, mit Streetview durch gefrorene Strassen streifen ohne Frieren, Schaltpläne, Stadtpläne, Schnupfsprüche, Musik, Strickmuster, Witze und Märchen neben extremistischen Losungen. Asiatische Rezepte neben solchen für Nitroglyzerin oder solchen zur Darstellung von synthetischen Drogen, Pannenvideos und Fussballchöre neben Lexikas und Wörterbüchern. Auf den Punkt gebracht: Man kann sich hoffnungslos vertun und verlieren im Internet.

Dass ich süchtig war, habe ich erstmals gemerkt, als mir auf meinem Tisch der Stapel interessanter – im Internet bestellter – Romane und Sachbücher bewusst wurde, die ich noch kaum angerüht hatte. Dabei bin ich IV-Rentner.

Früher habe ich alles Gedruckte verschlungen, später alles, was im Netz stand. Der Gegensatz zu aus dem Internet bezogenem Wissen ist – rückblickend festgestellt – enorm. „Alles Wissen ist Stückwerk“ hat mal jemand gesagt. Aber als ob das noch nicht genug wäre, atomisiert das Internet es zur Unkenntlichkeit. Ich weiss nicht mehr, was ich wo gelesen habe, und ich lese den Text keines Autors zu Ende (es gibt ja oft gar keinen eigentlichen Autor mehr).

Bis vor kurzem noch liebte ich diese Hochtechnologie, die uns alle Kultur der Welt wagenladungsweise frei haus liefert. Aber mehr als die Technik liebe ich die Kultur selbst. Und wenn ich selbige bedroht sehe, steht für mich fest, wofür ich Partei ergreifen muss. Das Internet bildet zwar auch seine eigene Kultur heraus, aber darauf – auf Meme wie die „Bonsai-Kätzchen“, „Numa Numa“ oder das „Rickrollen“ – kann ich getrost verzichten.

Facebook, Youtube, das ganze Internet hat für mich den Charakter eines Trostpreises. Es ist einfach nicht, was ich mir von der Zukunft erhofft hatte. Wie enttäuscht muss man sein, wenn man sich als Kind im Grodonia herumtrieb und von richtigen Laserpistolen träumte – und heute erwachsen feststellt, dass nur noch mit Mobiltelefonkameras geschossen wird? Die ganzen Cyberspace-Zukunftsfantasien haben sich zwar erfüllt, aber in einer lauen, farblosen Art und Weise. Aber ich sollte von vorne beginnen mit Erzählen.

Eine Sucht wird gesellschaftsfähig

Ich hatte als Kind schon sehr früh einen Computer, was eine kleine Sensation war. Man kam sogar über Mittag zu mir, um sich das Ding anzusehen und darauf zu spielen. Und danach herumzusagen, ich sei „computersüchtig“. Wie sehr der Zeitgeist sich ändern kann, habe ich die Jahre hindurch mitverfolgt: Rannte man früher mit einem billigen LCD-Adressenspeicher herum, und blätterte darin in der Öffentlichkeit, so schrie man: „Unanständig!“, selbst wenn es während des langweiligsten Banketts war. Ein kritisches Mädchen fragte mich: „Was hast Du da für ein Geschmäus?“. Heute aber hat jeder seine „Gadgets“ und es ist es eine selbstverständlich, daran herumzuriegeln.

Als internetabhängig gilt man heute ab rund 30 Stunden wöchentlichen Konsums. Ich kann mich aber erinnern, dass diese Zahl einmal wesentlich tiefer angesetzt war. Kein Wunder, dass man sie erhöht hat!! Denn sonst hätte schon bald jeder als süchtig gegolten. Wer ist im goldenen Dreieck opiumabhängig? Niemand!

Die Computer und das Internet sind inzwischen überall. Obwohl es uns schon durchs Dach regnet, drehen wir auch noch den Sprinkler auf: Die „Wasserwerke“, die bei uns für Anschlüsse aller art zuständig sind, werben derzeit für „Fiber-Speed“ (Herunterladen mit bis zu 100’000 kbit/s, herauf mit 5’000). Ich persönlich rüste eher ab, stieg aus Facebook aus. Dies, weil mir plötzlich etwas bewusst wurde, und ich es mir eingestehen musste: „Verdammtnochmal, in jeder Partnerschaftsbörse gebe ich weniger private Informationen von mir preis als dort!“ Ein gutes Gefühl, plötzlich einen digitalen Briefkasten weniger betreuen zu müssen! Es ist auch ohne Facebook noch schwierig genug, die neue Technik wirklich sinnvoll zu nutzen, zweckgerichtet wie einen Staubsauger oder eine Schreibmaschine.

Revolution für nichts und wieder nichts

Menschentypen

Was wäre denn, wenn jeder auf der Welt einmal ausgerüstet ist und vor dem Monitor sitzen und bloggen kann? Löst sich dann auch automatisch das Welthunger-Problem? Wenn wir unser ganzes Leben ins Internet verlegen, dann wird alles so sein, wie es zuvor war: Wer vorher auf Kaffeepflanzungen geschuftet hat, erntet künftig E-Mail-Adressen für Spamfirmen, der frühere Plantagenbesitzer führt dann eine Banner-Farm. Der Ex-Scheckbetrüger betreibt heute eine Phishing-Seite, der Bücherwurm zieht in eine Online-Bibliothek. Derjenige, der Dich früher angezeigt hat, weil deine Hecke fünf Zentimeter zu hoch war, der torpediert heute Deine Wikipedia-Artikel mit Löschanträgen (Es gibt nicht wenige von diesen Philistern auf Wikipedia.)

Es ändert sich nichts: Wer früher ausgebeutet wurde, wird heute einfach digital ausgebeutet. Es gibt Spam-Unternehmungen in China, wo Menschen dafür bezahlt werden, dass sie stundenlang Captchas abtippen, diese verzerrten Buchstaben, die automatisiert nicht erkannt werden können. Es soll auch welche geben, die digitales Gold in „World of Warcraft“ horten, um es dann real an westliche Spieler zu verkaufen. Kurzum: Alles bleibt sich gleich. Die Banken haben ja auch schon ihre Fillialen im Netz. Im Internet wird sich die gesellschaftliche Hierarchie wieder genau gleich herausbilden.

Ein digitales Netz verbindet uns zwar mit der ganzen Welt, doch es wird immer noch mehr geflogen als früher. Trotz neuerlichem Ökowahn und trotzdem es die exotischsten Früchte schon im Supermarkt gibt. Das ist ein Hinweis darauf, wie vernünftig wir die neue Technik verwenden: Eher als dass der Weisskragen aus Honolulu über Skype-Bildtelefonie mit der Schweiz konferiert, beginnt auch noch seine Tochter damit, zu uns nach Fernwest zu reisen – Weil die Ferne jetzt ja nicht mehr wirklich fern ist – mit dem beruhigenden Bildtelefon in der Tasche.

Es hat kaum etwas verbessert, aber viel verändert, und Soziologen vermuten nun, dass das Internet sogar dabei ist, unsere Persönlichkeitsstruktur, ja sogar die anatomische Beschaffenheit unserer Gehirne umzuformen und das somit neue Menschentypen entstehen.

Weder Fisch noch Vogel – die proteische Persönlichkeit

Proteus ist ein griechischer Trickster-Gott, der verschiedenste Gestalten annimmt, um sich der Beantwortung von Fragen zu entziehen. Angelehnt an ihn popularisierte im Jahr 2000 der Soziologe Jeremy Rifkin den Begriff der „proteischen Persönlichkeit“, um damit den vernetzten „Generation @“-Menschen zu beschreiben. Den Ausdruck erstmals verwendet hatte 1993 der Psychologe Robert J. Lifton.

Für den Menschentypen 2.0 ist alles relativ. Im Gegensatz zum Mensch der Moderne („lineare Persönlichkeit“), kennt unsere postmoderne neue „proteische Persönlichkeit“ keine absolute Wahrheit mehr: Politik oder soziales Engagement ist ihr zuwider. Wir beginnen damit, unser ganzes Leben für eine einzige Bühne zu halten, auf der wir Rollen aufführen müssen.

Es gilt zu unterscheiden zwischen echtem und falschem Individualismus: Echte Selbsterkenntnis und Individuation ist ein harter, unangenehmer Prozess. Man denke an das „Ecce Homo“ Jesu am Kreuz, oder daran, wie Odin aufgehängt am Weltenbaum neun Nächte lang die Selbstreflektion, das Lesen lernte. Individualität mit Spass anscheinend vereinen zu können, das ist ein großes Rätsel unserer Zeit. Dabei wird ein Taschenspielertrick angewandt: Individualität wird nur innerhalb der vom Kollektiv gegebenen Grenzen erlebt, dessen ist man sich aber nicht bewusst, zumal man überreizt wird durch die einzelnen individuellen Eskapaden, immer neuen Urlaubsarten, Moden, Shoppingangeboten, Extremsportarten.

Das proteisches Selbst ernährt sich also von Erfahrungs-Splittern und -Krümelchen unserer fragmentierten entwurzelten Gesellschaft, und erfindet sich konstant neu. Das Ideal eines unausweichlichen linearen Fortschritts, der Richtung eines zukünftigen, gemeinsamen und utopischem Ziels führt, wird verleugnet, grosse Erzählungen wie z.B. Ideologien, die der Geschichte einen Sinn geben, werden abgelehnt.

Zwar kannte man schon vorher den „Mann ohne Eigenschaften“, den sogenannten „aussengeleiteten“ oder „entfremdeten“ Mensch, man kannte Wendehälse, Opportunisten und Windfahnen, völlig neu ist aber, dass diese Menschentypen positiv gewertet, ja geradezu zum Ideal werden. Verständlich, denn sogar die Banken und Grossfirmen des ausgearteten Neoliberalismus benötigen und belohnen solch flexibles Menschenmaterial.

Denkbar schlechte Ausgangslange für den Marxismus! Der Menschentyp 2.0 teilt dessen Solidaritätsbegriff nicht, bestrebt nicht, die überpersönlichen Verhältnisse zu korrigieren. Er verschwendet auch keinen Gedanken daran, wo sein Platz in der Geschichte sein könnte, sondern lebt vielmehr seine eigene Geschichte. Er hat keinen höheren Anspruch ans Leben, als sich die Zeit so angenehm wie möglich zu machen. In gewisser Weise ist er sehr bescheiden. „Das Leben gilt als zu kurz, um sich selbst der Geschichte oder irgendeinem zukünftigen Wohlergehen zu opfern“, beschreibt Riffkin diese Denkungsart. Die Genossen wundern sich, ob es überhaupt noch ein „ideologisches Anrufungssystem“ gibt, über das dieser „proteische Mensch“ angesprochen und überzeugt werden kann. Sie kommen zum Schluss, dass es heute noch ein einziges solches „Anrufungssystem“ gibt: Das neoliberalistische.

Mitschuldig daran sind die die Sozialisten selbst: Sie haben seinerzeit ohne intellektuelle Gegenwehr die neoliberale Interpretation des sowjetkommunistischen Scheiterns hingenommen: Als Beweis für den Endsieg des Kapitalismus über den Sozialismus generell. Im Schutz der erfolgreich verbreiteten Lüge, 1989 sei das Ende aller Ideologien und Utopien gekommen, haben die neoliberalen Machteliten in Wissenschaft, Publizistik und Politik das unzerstörbarste Ideologie-Gebäude errichtet: Die Ideologie der „Individualisierung“. Sie verschleiert dabei die kollektivistische Gleichschaltung des Denkens hin zum liberalen Laisser-Faire-Einheitsdenken eines gutgemeinten, aber aus dem Ruder gelaufenen, Neoliberalismus.

Dabei ist der Kapitalismus selber keine Alternative für nichts. Er ist nicht ein Etwas, sondern ein Nichts – ein Vakuum. Dass ein solches, im Gegensatz zum Sozialismus, nie scheitern kann, versteht sich von selbst, denn gegen ein Vakuum kann man nicht ankämpfen mit der Kalaschnikow – man kann es nur füllen. Der Neoliberalismus macht keine Fehler – Weil er gar nichts macht. Nur wer etwas macht, der macht auch Fehler – garantiert sogar. Unser globales Motto lässt sich am besten mit den Worten Homer Simpsons beschreiben: „Trying is the first step towards failure. The lesson is… never try.“

Um etwas zu verändern, darf man die Geschichte nicht nur passiv als Naturprozess oder Willen Gottes auslegen. Sondern man müsste, damit man die Lage der Welt klar erfassen, und mitgestalten kann, linear, geschichtsbewusst denken, Vergangenheit und Zukunft als Entwicklungsprozess betrachten, und sich selbst als einzelne lineare Persönlichkeit auf dieser Zeitschiene verstehen. Der neue Menschentyp aber versteht sich (oder besser gesagt: einander) eher als Knoten unterschiedlichster Beziehungen denn als eigenständige Persönlichkeit. Bei manchen entwickelt sich sogar eine multiple Persönlichkeit. Als Realität gilt für den Menschentypen 2.0 jeweils dasjenige Ereignis, das am mächtigsten ist – am mächtigsten ist aber immer häufiger die Simulation. Der Menschentyp 2.0 hat zu vielen Fragen keine eigene Meinung, oder er ändert diese laufend: „Was du gesagt hast, klingt glaubwürdig. Ich würde aber auch das Gegenteil glauben, wenn es nur überzeugend vorgetragen würde.“

Selber Denken ist nichts – Marketing ist alles. Die Internet-„Communities“ (Facebook, Xing, Myspace…) sind längst von der Werbebranche infiltriert. Im besten Fall geht der Menschentyp 2.0 in einen überhypten Film, den er nicht sehen will, aber auch politische Werbung wird verbreitet. Obschon das Internet selber aufklärerisch ist (Informationen für alle), steht sein Menschenbild konträr zu den Idealen der Aufklärung.

Rückt die Welt wirklich zusammen?

Während manche Wissenschaftler den Verlust des Individuums beklagen, schwärmt Soziologe Lifton, die proteische Persönlichkeit bringe uns auf eine „plastischere und reifere Bewusstseinsstufe“. Andere sehen sogar das Ende jeglicher Einsamkeit voraus. Wie sehr uns das Internet in Tat und Wahrheit selber einsam macht, verdeutlicht ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Früher, als die Spielkonsolen noch nicht internetfähig waren, spielten wir alle zusammen vor dem Fernseher ein Spiel, das mehrere Mitspieler an einem Bildschirm zuliess. Über einen geteilten Bildschirm (Splitscreen). Heute gibt es kaum mehr solche Spiele – die Meinung ist, dass man online spielen sollte. Gegen Australier und Franzosen, gegen Koreaner und Texaner, alle mit kryptischen „Nicknames“, verzögert, zerhackt und mit einem metallischen Hall stossen sie übers Kopfhörermikro Flüche und Jauchzer aus, die ich nicht nur sprachlich nicht mehr verstehe. Nein danke, da spiele ich lieber den Einzelspielermodus! Es ist emotional einfach nicht mehr dasselbe wie früher, als alle gemeinsam im selben Raum sassen.

Aber man könnte das Internet ja auch beruflich nutzen, allfällige Marktlücken entdecken, wenn man Grips hätte, und es wirklich noch Lücken gäbe. In der Hinsicht ist das Internet unschlagbar und schafft viele neue Arbeitsplätze und vermittelt sie. Selbst zu meinem Engagement beim Taximagazin bin ich nur dank dem Internet gekommen. Einmal hatte ich die Idee, Webseitenbetreibern die Rechtschreibkorrektur ihrer Seiten anzubieten. Mit Stichproben warb ich und stiess auf viel Resonanz – Ich bekam mehr Hassmails als Wayne Gretsky Tore schoss!

Während sich vor mehr als 80 Jahren die Frauen beschämt den Rock zurechtzupften im Angesicht der schwarzweissen Männer im ersten Fernsehgerät, so kehrt man heute seine schlechtesten Seiten nach aussen: In Foren gibt es regelrechte „Flame-Wars“, Beleidigungskriege. Leute, die Amateurfragen stellen, werden als „Noobs“ bezeichnet. Hingegen lacht man auch über die wissenden „Nerds“ oder „Geeks“. Man muss gerade mal so viel vom Internet wissen, dass man sich vor keine Blösse gibt, aber trotzdem noch eine Freundin abbekommt.

Prophezeiungen bewahrheiten sich

Ob dieser Schirm, der Bildschirm uns rasend besessen macht, unsere Sinne täuscht und die Wahrheit verdeckt? Ist es ein Zufall, dass es in der Bibel heisst: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild“ (Korinther 1, Kapitel 13, Vers 12). Im nach dieser Bibelstelle benannten SciFi-Roman „A Scanner Darkly“ (1977) von Philip K. Dick (2006 rotoskopisch verfilmt mit Robert Downey junior) geht es u.a. um „Jedermanns-Anzüge“, die die Gestalt ihres Trägers hinter einem ständig wechselnden Äusseren verbergen. Es kommt so weit, dass der Agent Fred den Auftrag erhält, den des Drogenhandels verdächtigten Bob zu überwachen, und dieser Bob ist Fred selbst.

Die Bibel prophezeit in der „Offenbarung des Johannes“, die vom Weltuntergang handelt, dass „Gog“ und „Magog“ dabei eine Rolle spielen würden. Google? Was ist gemeint mit dem vielköpfigen Tier, das aus dem Meer aufsteigt wie das „Trans Atlantic Telephonecable Number 14“ dessen genaue Position geheimgehalten wird? Sind mit seinen vielen Köpfen, die sich wiederum in mehrere Hörner verzweigen, die Verknüpfungen des Internets gemeint?

Fest steht: Die ganze Science-Fiction kann definitiv hellsehen. 1984 ahnte William Gibson mit „Neuromancer“ den Cyberspace und das Internet voraus. Natürlich ist heute nicht alles haargenau so wie im Roman. Wir schweben nicht als Kyberspace-Jockeys mit Datenbrillen über bunte Neonpyramiden. Das Auge des guten Science-Fiction-Autors sieht die Zukunft nur umrisshaft, irrt sich in der Form, nicht aber im Wesen der Dinge, die da kommen mögen. Im selben Jahr gab uns der „Terminator“ eine Vorschau auf die Zukunft: Dass die Maschinen die Herrschaft an sich reissen würden. Auch das stimmt, aber auf eine ganz andere Art und Weise als erwartet: Sie kommen nicht mit roher Gewalt, sondern sie ergreifen von unserem Verstand Besitz.

Wovor uns der 1999er Erfolgsfilm „The Matrix“ warnen wollte, wird auch erst heute klar. Die künstliche „Matrix“, die einen gefangen hält und aussaugt, damit war wohl kaum „der Staat“ gemeint oder „gesellschaftliche Zwänge“, sondern viel eher sah der Film den überhandnehmenden Einfluss des Internets voraus. Neo deute ich heute als Internetsüchtigen, der merkt, dass das Internet nicht die Realität ist, sondern Teil der Realität, obwohl auch selbige in ihm im ertrinkt.

Ertrinken in der Datenflut

Frank Schirrmachers „Payback – Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“ streicht heraus, dass das Internet nicht nur ein passives Medium ist, sondern man sich auch in nie dagewesener Weise weltweit darüber ausdrücken kann: „Kein Mensch hätte sich vor zehn Jahren ein eigenes Fernsehstudio leisten können, um zum Beispiel die neuesten Kunststücke seines Dackels zu präsentieren, wie es heute tausendfach geschieht.“

Schirrmacher erkennt, dass Informationen Aufmerksamkeit fressen. Er berichtet von Fällen, in denen Fünfjährige die Natels ihrer Eltern die Toilette hinunterspülten, weil sie erkannten, dass das Netz ihre Eltern frisst. Frank Schirrmacher befürchtet zurecht, dass die ständig wachsende Menge an Informationen womöglich bald die globale Gesamt-Aufmerksamkeit der Menschheit übersteigen wird – jeder ist Darbieter, keiner ist Publikum. Schirrmacher schildert auch die Mutationen unserer Gehirne: Unser früheres Gehirn hatte eine Art „Verzögerungs-Neuronen“, die die neuronale Übertragung um Milisekunden verzögerten. Diese Verzögerung schaffte Überblick und Nachdenklichkeit. Ausgebildet wird ein Gehirn durch das Lernen und Lesen: Das Geheimnis des Lesens sei, dass es dem Gehirn „die Freiheit gibt, Gedanken zu haben, die tiefer sind als die Gedanken, die ihm bisher gekommen sind.“ Dieser neuronale Verzögerungsschalter brenne im Zeitalter der Gleichzeitigkeit durch. Weil die epidemische neue Schädigung des Gehirns viel mit dem Lesen zu tun habe, würde der schaden besonders von Lesern bemerkt.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich die Konzentrationsstörungen und Erinnerungsprobleme bestätigen. Ständig habe ich das Gefühl, irgendeine Information zu übersehen. Ich bin vergesslich und lasse mich leicht ablenken. Besonders deutlich spüre ich das, wenn ich einen längeren, zusammenhängenden Text zu lesen versuche. Die tiefen Gehirngänge der Erinnerung werden staubiger und staubiger, bis sie einmal so staubig sind, dass es einen ekelt, hinunterzusteigen. Das ist, weil man sein Denken ausgelagert hat. Schirrmacher erklärt: „(…) das Denken wandert buchstäblich nach aussen; es verlässt unser

Inneres (…)“ Bevor ich überhaupt versuche, mich daran zu erinnern, wer den verrückten Professor in „Zurück in die Zukunft“ spielte, verrät mir Wikipedia, dass es Christopher Loyd war.

Menschentypen

Der Facebetroog

Eine gewichtige Rolle in der Entwicklung hin zu proteischen Persönlichkeit und zu den neuen Menschentypen spielen die sog. „Social Networking“-Plattformen, allen voran Facebook. Der Name Facebook bezieht sich auf die sogenannten Facebooks oder Jahrbücher, die die Studenten an manchen amerikanischen Colleges zur Orientierung erhalten. Mit Facebook kann man hervorragend zu seinen Freunden Kontakt halten, der ganze Freundeskreis schliesst sich digital zusammen. Die Plattform verfügt aber, dramatisiert gesagt, über das Wesen eines perversen Kriminellen, der Menschen von innen heraus auffrisst und sich ihre Gesichter anzieht. Früher oder später wird uns allen der Kopf abgehackt und geschrumpft.

Die Betreiberschaft vieler grosser Seiten im Internet erscheint mir undurchsichtig: Womit finanzieren sich z.B. die Videoplattformen? Und wieso gehen die Rechte jedes auf Facebook geladenen Bildes automatisch an Facebook über (gemäss AGB)? Statistische Daten werden an Marktforscher oder schlimmer verkauft. Nachweislich versteckt sich hinter Facebook die Firma „In-Q-Tel“, deren ausdrücklicher Geschäftszweck das Data-Mining (Datenschürfen) ist. „In-Q-Tel“ wiederum dient u.a. der CIA und dem IAO („Information Awareness Office“). Die Niedertracht der CIA kann man gar nicht unterschätzen! Ich erinnere an die Schweinebucht, die Attentate auf Castro. Und als in Nicaragua die Sandinisten an die Macht gekommen waren, streute die CIA Flugblätter, die das System destabilisieren sollten: Sabotage, ziviler Ungehorsam, Unruhestiftung wurde propagiert. Und die konterrevolutionären Contras wurden von der CIA logistisch mit Satellitenbildern von Bergdörfern unterstützt, damit sie Massaker an der dortigen Zivilbevölkerung begehen konnten.

Heute müssen diese Schattenbehörden keine Fichen mehr anlegen – die Bürger fichieren sich und einander selbst. Was auf Facebook passiert, bleibt immer auf Facebook gespeichert. Facebook-Kontos können ausserdem nicht richtig gelöscht werden, sondern nur deaktiviert. Und wenn ich mein Facebookkonto deaktivieren will, dann schauen mir meine häufigsten Kontaktpersonen entgegen und dazu steht geschrieben „Soundso wird dich vermissen“. Um die Nutzer zu binden, sind keine finanziellen oder inhaltlichen Anreize nötig: Die Nutzer binden einander gegenseitig. Die Geschichte, dass dieses raffinierteste Datenschürfsystem aller Zeiten von einem einzigen zwanzigjährigen Studenten mit dem skurillen Namen „Mark Zuckerberg“ erfunden worden sein soll, klingt zu märchenhaft um wahr zu sein. Facebook weiss auch, wer hinter meiner IP-Adresse steckt, weiss, dass hinter 83.78.98.191 aktuell „Martin Ulrich“ sitzt. Wenn man sich nicht ausloggt, dann kann theoretisch auch jeder andere Seitenbetreiber, der es darauf ansetzt, über Facebook wissen, wer man ist. Bisher konnte nur über die bloss IP-Nummer gesehen, die variabel ist und von der aus man nicht so leicht auf den Namen schliessen kann, sondern nur auf die Region.

Ich bin kein Datenschutzfanatiker: Die Kameraüberwachung des öffentlichen Raums hat mich nie gestört, und die Cumulus-Karte erst recht nicht. Aber das hier sind keine Kinkerlitzchen: 2009 wurde bekannt, dass z.B. die iranische Polizei Facebook-Profile benutzt, um den Freundeskreis von Regimegegnern auszumachen, eine selbstredend illegitime Methode, jemanden unter Druck zu setzen. Was mich noch viel mehr stört: Das, was Facebook mit unseren Gehirnen anstellt, wie es uns zu Flashmobs und Botellón, öffentlichen Komasaufen, einlädt, und wie stark es die Medien kontrollieren kann.

Schnapsideen landesweit verbreiten ist kein Problem mehr! Eine Gratiszeitung würdigte kürzlich einer Facebook-Gruppe einen Artikel, die für eine Roger Federer-Banknote eintritt. Früher hätte jemand dazu einen Brief an Nationalbank, Bundesrat und Zeitungen machen müssen, ausserdem im Bekanntenkreis Propaganda streuen. Er hätte Füller und Papier nehmen und seine Gedanken formulieren müssen, die Schamröte im Gesicht und im Nacken die Furcht, man käme ihn zuhause abholen. Niemand hätte sich effektiv hingesetzt, einen derartigen Brief zu schreiben – Man hätte die betreffende Schnapsidee schon früh selbst wieder verworfen. Heute, mit Facebook, ist das anders: Alles ist unverbindlich, und man steht schon bald nicht mehr alleine da, sondern hat Mitstreiter. Es kostet auch keinen Aufwand mehr, nicht einmal Porto.

Facebook wird heute auch schon von den Personalchefs zu Rate gezogen. Von solchen Charakteren mache ich mir immer das Bild eines im Flugzeug sitzenden Nadelstreifenträgers, der zum Zeitvertreib Gesichter in Illustrierten zerkritzelt, besonders an den Stellen, wo zu viel Profil vorsteht. Noch heute gibt es ja „Headhunter“, was man fälschlicherweise häufig als „Kopfgeldjäger“ übersetzt. Dabei sind „Kopfjäger“ gemeint, Schrumpfkopf-Trophäensammler wie jene aus Borneo, die noch wilder als der ganze Wilde Westen zusammen sind.

the machine is us/ing us

Data Mining wird ziemlich sicher auch von Google betrieben. Datenschürfen bedeutet, im Weltgeschehen Muster erkennen. Dies geschieht behelfs Algorithmen. Google weiss beispielsweise, dass Hardrock-Hörer Popmusik nicht mögen, aber überdurchschnittlich Motorräder kaufen und Bier trinken. Wenn die freundliche Molochmaschine lange und tief genug derartige Verhältnisse ausspioniert, kann sie irgendwann hellsehen.

Vielleicht kommt es einmal so weit, dass nicht mehr Taten polizeilich bestraft werden, sondern schon Absichten, so wie in Minority Report. Der Willkür wären Tür und Tor geöffnet: Manchmal versteht man sich ja selber nicht – wie will man da andere verstehen? Falsche Verdächtigungen kämen auf, auch Private können sich dank Facebook als Polizisten aufspielen, wie der Fall zeigt, in dem eine krankgeschriebene Frau gefeuert wurde, weil man sie auf Facebook sichtete. Dass sie eine Simulantin ist, ist dadurch nicht bewiesen, sondern nur, wie sehr das System Facebook die Leute bindet.

Durch jeden Nutzer-Beitrag ans Internet lehrt man die Maschine einen Gedanken. Damit die Maschine menschlich werden kann, muss sie unsere Menschlichkeit kapern, wobei wir selber immer maschineller werden und dadurch neue Menschentypen entstehen. Wolfgang Schirrmacher bringt ins seinem Buch das genialste Gleichnis dazu: Die Internet-Maschinerie gleiche dem „Schachtürken“ des Mechanikers Wolfgang von Kempelen. Der „Schachtürke“ war um 1770 eine angeblich mechanisch gesteuerte Puppe, die eine Art Fez oder Turban und ein orientalisches Gewand trug. Sie konnte sehr gut schachspielen, begleitet von mechanischem Geratter. Friedrich der Grosse soll Kempelen für die Aufdeckung des Geheimnisses eine beträchtliche Geldsumme geboten haben und dann ausserordentlich enttäuscht gewesen sein. Es muss sich jemand, dessen Identität bis heute unbekannt ist, in dem engen Kasten, der gleichzeitig als Spieltisch fungierte, versteckt und den „Türken“ gesteuert haben. Diese in den Kasten gezwängte Person, die Instruktionen befolgt und auf Informationen von Aussen wartet, sind wir.

Geburt neuer Menschentypen

Während früher der Mensch den Computer um Antworten und Dienste bat, ist es heute umgekehrt: Amazons „Mechanical Turk“-Programm (www.mturk.com) gibt dem User „HIT-Aufgaben“ (Human Intelligence Tasks), die dieser gegen Bezahlung erledigen soll, weils kein Computer kann. Oft ist diese Arbeit monoton oder stumpfsinnig.

Nach „Maps“ und „Streetview“ plant Google schon den nächsten Meisterstreich: Das Projekt „Goggles – Use Pictues To Search The Web“ hat die Horrorvorstellung geweckt, dass man schlussendlich mit einer Kamerabrille ans Dorffest gehen kann, und auf dem Monitor erscheinen die Namen aller im Blickfeld befindlichen Festbrüder – und noch mehr. Das Internetleben des Bürgers wächst mit dem realen zusammen. Schon heute muss man sich fragen, ob das Internet eigentlich ein Teil der Welt ist, oder die Welt ein Teil des Internets. Zu jedem wichtigen Gebäude weiss es alle Informationen, weiss wo mein Haus wohnt und wo Bett schläft.

Hast Du einen Vogel?

Der neuste Schrei im Internet ist das Twittern (Zwitschern): Twitter-Benutzer schreiben zu jeder Tages und Nachtzeit in ihr Handy, was sie gerade tun. Die Follower (Abonnenten) der Twitterer lesen alles mit. Die Twitterer sind vielfach Firmen oder Prominente. Doch selbst wenn mein Lieblingskomiker twittern würde, würde ich nicht mitlesen. Ausserdem: Obama, der Twitter für den Wahlkampf nutzte, gestand später, dass er keine einzige Zeile selbst gewittert hatte. Und Britney Spears erzählt Dir auf Twitter nicht ganz uneigennützig von den Filmen, die sie soeben gesehen oder den Produkten, die sie soeben erworben hat. Im Internet entsteht geradezu der Zwang zur Werbung: Wenn ich z.B. als Zeitungverleger meine Berichte und Kolummnen gratis anbieten muss, dann kann ich nur noch via Werbung meine Unkosten decken. Dabei wiederum geht Qualität und Lokalkolorit verloren, denn ich muss das grösstmögliche Publikum erreichen.

Wie können wir das Problem in den Griff bekommen?

Die Internetsucht unterscheidet sich vermutlich gar nicht so stark von der Fernsehsucht. Häufig wird das Internet als „intelligenter“ als das Fernsehen gelobt, was es aber nur theoretisch ist. Beim Fernsehen ist das Zappen verpönt – das Internet ist ein einziges Zappen.

Man sagt vom Fernsehen, dass es die Intelligenten noch intelligenter und die Dummen noch dümmer mache. Auch das Internet allein bildet nicht. Oder kann sich jemand vorstellen, Obama hätte seine Kindheit und Jugend twitternd und bloggend verbracht?

Meiner Meinung ist das Internet eine gigantische Sinnvernichtungsmaschine, und es täte gut, etwas Abstand davon zu gewinnen und sich richtige Steckenpferde zu suchen. Schirrmacher aber präsentiert uns eine bessere, geradezu salomonische Lösung, mit dem datenüberschwemmten, gemultitaskten Regime der Maschinen umzugehen, ohne Verzicht sogar: Wir sollten uns auf Kreativität, Toleranz und Geistesgegenwart berufen – Stärken, die nur der Mensch hat -, statt uns selber zu Maschinen machen zu lassen.

Von Martin Ulrich (transtextmedia.ch)


{ 2 Kommentare… lies sie unten oder füge einen hinzu }

M.W. September 8, 2011 um 12:56

Martin , gratuliere zu diesem witzigen und klugen Blog-Beitrag!
gruess vom http://www.eschenring.ch!

A. L. September 24, 2011 um 16:18

Sehr interessanter, ausführlicher Bericht. Ich habe ihn genossen.

Hinterlasse einen Kommentar

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: